Dividendenstrategie – Eine Anlagestrategie mit Mehrwert oder nur ein renditeschwacher Hype

Dividendenstrategie – Eine Anlagestrategie mit Mehrwert oder nur ein renditeschwacher Hype

Die Dividendenstrategie ist eine beliebte Geldanlagestrategie, die darauf setzt, Aktien mit hoher Dividendenrendite zu kaufen oder als passiver Anleger ETFs oder andere Fonds mit Hochdividendenaktien zu kaufen. Als Erfinder der Dividendenstrategie gilt der berühmte Value-Investor Benjamin Graham, der bereits in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts als Pionier der strukturierten Geldanlage tätig war.

 

Vorteile und Hintergrund der Dividendenstrategie

Anleger, die diese Strategie verfolgen, erwarten, dass es sich bei dividendenstarken Aktien um solide, qualitative Unternehmen handelt, die eine gute Geschäftsentwicklung und ein großes Interesse am Anleger aufweisen. Die Anleger erwarten von ihren Dividendenaktien oder Dividenden-ETFs hohe regelmäßige Ausschüttungen, die sie entweder wieder anlegen oder für den Lebensunterhalt verwenden können. Es wird auch argumentiert, dass die regelmäßigen Ausschüttungen das Portfolio stabilisieren und grundsätzlich – aber besonders in Krisensituationen – für eine hohe Durchhaltemotivation beim Anleger sorgen. Ca. 30-50% der Gesamtrendite von Aktienmärkten werden durch die ausgeschütteten Dividenden hervorgerufen. Letztlich steht hinter der Dividendenstrategie die Überzeugung, dass diese Aktien langfristig die höheren Renditen und/ oder zumindest geringere Risiken mit sich bringen. Ein grundsätzlicher Unterschied liegt darin, ob der Anleger seine Dividendenaktien selbst aktiv auswählen möchte oder ob er auf einen entsprechenden Fonds setzt. Bei Fonds entfällt zumindest die Notwendigkeit, regelmäßig zu prüfen, ob die  Aktien noch den Kriterien entsprechen oder verkauft werden müssen.

 

Nachteile und Diskussion der Dividendenstrategie

Ein grundsätzlicher Denkfehler liegt sicherlich darin, dass leicht der Eindruck entsteht, dass die Dividende zusätzlich zur regulären Kursentwicklung anfällt. Allerdings fällt der Kurs der Aktie am Zahltag der Aktie für gewöhnlich um die Dividendenhöhe. Fraglich ist, ob die Gesamtrendite langfristig besser oder schlechter ausfällt – doch darauf kommen wir später zurück. Sowohl bei der Einzelauswahl als auch bei Fonds kann das Problem entstehen, dass die Diversifikation zu kurz kommt, da es einigen Branchen und Ländern bessere Dividendenzahler gibt als in anderen. Dieser Nachteil lässt sich allerdings durch gezielte Auswahl der Aktien vermeiden. Wird darauf nicht geachtet kann hier zusätzlich zum Home Bias noch ein weiteres Klumpenrisiko entstehen. Des Weiteren besteht die Gefahr, bei der Auswahl nur nach der Dividendenrendite, Wertpapiere auszuwählen, die aus der Substanz ausschütten (Dividende nicht durch Gewinne gedeckt) oder die kürzlich aus berechtigten Gründen durch die Märkte abgestraft wurden und womöglich in Kürze ihre Dividenden senken. Die reine Auswahl nach Dividendenrendite ist dem aktiven Anleger somit nicht zu empfehlen; es sollte zumindest noch auf die Ausschüttungsquote geachtet werden (bis 80% halte ich für angemessen) und geprüft werden, ob das Unternehmen evtl. vor unlösbaren Problemen steht, die den Kurs nach unten geprügelt haben. Die meisten Dividendenfonds haben solche Mechanismen ebenfalls eingezogen. Man kann ferner noch auf stetige Dividenden oder weitere Qualitätskriterien achten. Eine hohe Dividende beweist auch nicht unbedingt die Qualität und Solidität eines Unternehmens – ein Unternehmen, dass weniger ausschüttet muss z.B. weniger Fremdkapital aufnehmen oder das Geld rentabel reinvestieren. Hohe Dividendenrenditen können auch so interpretiert werden, dass Anleger für eine schwache Geschäftsentwicklung kompensiert werden müssen.

 

Vergleich der Wertentwicklung und theoretischer Hintergrund

Was sagt nun die wirtschaftswissenschaftliche Theorie zu Dividendenstrategien? Dividenden sind bislang nicht als Faktor identifiziert worden, der nachhaltig und langfristig zu Überrenditen geführt hat. Allerdings ist die Dividendenrendite ein Kriterium von vielen für den langfristig erfolgreichen Valuefaktor. Von Kritikern der Dividendenstrategie wird vorgebracht, dass Dividendenstrategien Anlegern in den letzten 10 Jahren eine deutliche Underperformance gebracht haben. Den von MSCI bereitgestellten Informationen ist zu entnehmen, dass der MSCI World High Dividend Yield Index über 10 Jahre mit 8,2% p.a. rentiert hat – wohingegen der MSCI World 9,18% p.a. brachte. Dies entspricht einer Underperformance von ca. 1% p.a. Schaut man sich aber demgegenüber die ältesten bei MSCI verfügbaren Daten seit dem 30. Juni 1995 an, dann sieht das Bild allerdings anders aus: In diesem Zeitraum hat der Dividendenindex 9,02% p.a. gebracht – der MSCI World hingegen nur 7,62%. Hier die liegt die Outperformance des Dividendenindex bei 1,4% p.a.

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei einem Vergleich des MSCI Emerging Markets High Dividend Yield Index mit dem MSCI Emerging Markets. Allerdings ergibt sich hier bereits auf die letzten zehn Jahre eine Outperformance des Dividendenindex  mit 6,12% p.a. gegenüber 5,76% p.a. Nimmt man nun aber die ältesten verfügbaren Daten von MSCI seit dem 29. Dezember 2000 her, so ergibt sich eine Outperformance von fast 3% p.a. zugunsten des Dividendenindex (12,43% p.a. ggü. 9,60% p.a.). Der Auswahlprozess für diese Indizes ist jedoch schon recht ambitioniert. Neben der reinen Dividendenhöhe werden auch die Stetigkeit der Dividendenzahlung sowie Ausschüttungsquoten, Qualitätskriterien und das Momentum beachtet.

Es deutet somit einiges darauf hin, dass die Dividendenindizes ihre breiten Gegenüber langfristig outperformen, weil zusätzliche Kriterien angewandt werden, die langfristig renditeträchtigen Faktoren (Quality, Momentum) entsprechen. Die wissenschaftliche Forschung hat außerdem gezeigt, dass Dividendenstrategien eine gewisse Korrelation mit drei bekannten Faktoren – Value, Quality, Low Volatility – aufweisen. Interessanterweise bietet MSCI einen Index an – Factor Mix A-Series Index – der diese drei Faktoren kombiniert. Leider ist meines Wissens derzeit in Deutschland noch kein ETF auf diesen Index verfügbar. Wenn es um die Erzielung von Überrenditen geht, dann ist ein breiter Multi-Faktor-ETF vermutlich die bessere Wahl.

 

Motivation durch viele kleine Belohnungen

Warum halte ich nun die Dividendenstrategie für keine schlechte Idee und habe auch selbst einen kleinen Teil meines Portfolios in Dividenden-ETFs und dividendenstarke Aktien investiert? Die kurze Antwort: Motivation. Als Verhaltensökonom weiß ich, dass der Besitz von Aktien unser menschliches Hirn vor große Herausforderungen stellt, weil einige unserer typischen Denkmuster Schwierigkeiten bereiten (z.B. die Verlustaversion). Die regelmäßige Ausschüttung von Dividenden führt zu vielen kleinen Belohnungen, die dazu führen, dass wir unsere Strategie beibehalten. Die Fokussierung auf diese Belohnungen hält uns davon ab, zu viel Gewicht auf die Kursentwicklung zu legen und dies kann uns insbesondere in Krisen von schlimmen Fehlentscheidungen abhalten. Und dies ist auch der Grund, warum Dividendeninvestoren langfristig relativ erfolgreich sind, sie neigen weniger stark dazu, in Gier oder Panik unsinnige Kauf- und Verkaufentscheidungen zu fällen.

Am Ende muss jeder für sich selbst entscheiden, ob eine Dividendenstrategie eine gute Idee ist. Insbesondere, wenn man bei sich die Gefahr sieht, in Krisen leicht in Panik zu verfallen, kann die Dividendenstrategie helfen motiviert zu bleiben. Andererseits, wenn man auf regelmäßige Erträge angewiesen ist und nicht ständig Teilverkäufe vornehmen möchte, dann ist die Dividendenstrategie auch eine Option. Wenn es in erster Linie um Rendite und Diversifikation geht, dann wäre aus meiner Sicht ein marktbreiter Index oder ein guter Multi-Faktor-Index die bessere Wahl. Bleibt noch die Frage, ob man aktiv in Einzelwerte investieren möchte oder ETFs kaufen. Aus meiner Sicht bietet die Einzelanlage die Vorteile, Werte auszuwählen, die neben der Dividendenrendite verschiedene Faktorprämien, wie Quality, Value, Low Risk etc., abzugreifen. Dieser Ansatz ist allerdings auch wesentlich aufwändiger als ein passives Investment in einen Dividenden-ETF, in welchem die Aktienauswahl regelmäßig automatisch angepasst wird.

 


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