Diskriminierende Antidiskriminierung – Über den Unsinn von Unisex-Tarifen

Diskriminierende Antidiskriminierung – Über den Unsinn von Unisex-Tarifen

Das Versicherungsprinzip

Eine Versicherung ist an sich eine sinnvolle Sache. Mit ihr kann man sich vor den finanziellen Auswirkungen größerer und kleinerer Unglücke schützen. Dafür muss man regelmäßig einen gewissen Betrag an die Versicherung abführen. Ein Schaden, der den Einzelnen in den Ruin treiben würde, wird somit beherrschbar. Risiken können im Kollektiv günstiger abgesichert werden als wenn dies das Individuum allein tun würde. Der Preis der Versicherung ist, dass der Erwartungswert der Versicherung im Durchschnitt negativ sein muss, da die Versicherung mit einem Risikopuffer kalkulieren muss und Kosten bei der Versicherung selbst anfallen. Eine Versicherung werden die meisten Menschen aber wohl nur dann abschließen, wenn sie davon ausgehen können, dass sie für die Absicherung ihres Risikos nicht unverhältnismäßig viel bezahlen müssen.

 

Antidiskriminierungsgesetzgebung macht Frauen und Männer zu Verlierern

Unter dem Schlagwort der Nichtdiskriminierung dürfen seit Ende 2012 nur noch Unisextarife angeboten werden. Die Tarife sind seitdem geschlechtsneutral zu berechnen, Beiträge und Leistungen dürfen nicht mehr nach Geschlechtern differenziert werden. Doch dies ist für manche Versicherungen schon länger der Fall, nämlich in der staatlich geförderten Riester-Versicherung. Seit 2006 dürfen nur noch geschlechtsneutrale Riester-Versicherungen verkauft werden. Die Folge: Aufgrund der höheren Lebenserwartung ist die erwartete Rendite für Frauen beim Abschluss einer Riesterrente wesentlich höher als die eines Mannes. Bei Riesterversicherungen findet eine Subventionierung der Frauen durch die Männer statt. Offensichtlich sind diese schlechten Renditeerwartungen der Männer noch nicht allgemein bekannt, denn der Anteil der Männer in Riesterversicherungen ist noch erstaunlich hoch.

Einige Versicherungen wurden ab Ende 2012 für Männer teurer, andere wurden für Frauen teurer. Was die Männer bei der einen Versicherung mehr zahlen müssen, zahlen die Frauen weniger und umgekehrt. Alles in allem also ein Nullsummenspiel könnte man meinen. So ist es aber nicht. Eine Risikolebensversicherung kostet eine Frau zuvor weniger, weil Frauen aufgrund ihrer höheren Lebenserwartung weniger wahrscheinlich zum Versicherungsfall werden. Sie zahlen jedoch seitdem bis zu 70% mehr für eine Risikolebensversicherung. Männer sparen beim Abschluss einer solchen Versicherung aber lediglich bis zu 22%. Eine Pflegeversicherung war für Männer zuvor wesentlich günstiger zu haben. Dies liegt wiederum hauptsächlich an der geringeren Lebenserwartung der Männer, dadurch werden sie weniger wahrscheinlich pflegebedürftig und wenn dann auch nur für einen kürzeren Zeitraum. Männer müssen nun für die Absicherung ihrer Pflege im Alter bis zu 40% mehr zahlen, Frauen sparen aber maximal 24%.

Eine private Krankenversicherung war für Frauen bis 2012 noch um etwa ein Drittel teurer, weil sie häufiger zum Arzt gehen und gerade in den höheren Lebensjahren mehr Gesundheitsleistungen in Anspruch genommen werden. Diese höheren Kosten dürfen seit Ende 2012 nicht mehr auf die Frauen umgelegt werden, sondern sind dann von allen Versicherten zu tragen. Wie erklärt sich aber die zuvor aufgezeigte Diskrepanz? Weil Risikolebensversicherungen für Frauen unattraktiver werden, rechnen die Versicherer damit, dass der Männeranteil in den Versicherungen deutlich zunehmen wird. Pflege- und private Krankenversicherungen werden hingegen für Männer unattraktiver, somit wird der Frauenanteil in diesen Versicherungen steigen (adverse Selektion). Würden alle Menschen rational handeln, dann würden bestimmte Versicherungen nur noch entweder von Männern oder von Frauen abgeschlossen werden. Außerdem müssen Versicherungen einen höheren Risikozuschlag nehmen, da sie das Risiko aufgrund des Wegfalls eines sehr wichtigen Risikomerkmals nur noch unzureichend steuern können.

 

In der Theorie würde der Markt zusammenbrechen

Im Extremfall vollständiger Rationalität, würde freilich niemand mehr von den neuen Tarifen profitieren. Eine Pflegeversicherung etwa, die nur noch Frauen abschließen würden, würden zu dem Preis angeboten werden, die Frauen schon vor den Unisextarifen zahlen müssten. Allerdings wäre die andere Hälfte der Bevölkerung dann nicht mehr mit Pflegeversicherungen geschützt. Dies sind dann auch die ökonomischen Hauptprobleme der Entwicklung. Die Bevölkerungsgruppe, die bislang für eine bestimmte Versicherung mehr zahlen musste, wird kaum von einer Ersparnis profitieren. Das Geschlecht mit dem geringeren Risiko kann sich hingegen nicht mehr zu angemessenen Prämien versichern, wird quasi von der Versicherung ausgeschlossen. Wir haben es hier mit dem typischen Zitronenmarktproblem (The Market for Lemons: Quality Uncertainty and the Market Mechanism von Nobelpreisträger George A. Akerlof) zu tun, bei dem im Extremfall der Markt zusammenbricht.

 

Wie sieht es bei den anderen Versicherungen aus?

Der Vollständigkeit halber seien auch noch die anderen Versicherungen genannt. Berufsunfähigkeitsversicherungen wurden für Männer deutlich teurer, da Frauen wesentlich häufiger von Berufsunfähigkeit betroffen sind. Private Rentenversicherungen wurden ebenfalls deutlich teurer für die Herren, da sie aufgrund geringerer Lebenserwartung weniger lange Rente beziehen. Autoversicherungen wurden hingegen für die Damen teurer, da Männer häufiger Unfälle verursachen – da sie im Durchschnitt eine höhere Fahrleistung pro Jahr erzielen. Hier haben Versicherungen jedoch die Möglichkeit verstärkt über persönliche Merkmale (wie Jahreskilometer) die Beitragszahlungen dem Risiko anzupassen.

 

Fazit

Letztlich profitiert kein Versicherter von den Änderungen. Durch die gesunkenen Möglichkeiten, individuelle Risiken einzupreisen, erhöhen sich auch die Kosten der Versicherungen, die diese an die Versicherten weitergeben. Dennoch war die Versicherungsbranche zumindest im Jahr 2012 noch ein Gewinner der neuen Unisextarife. Viele Menschen sahen den Handlungsbedarf, um sich noch die für sie günstigeren Tarife zu sichern und sorgten somit für eine Sonderkonjunktur für die Versicherungen. Letztlich führte diese Änderung nicht zu weniger Diskriminierung, sondern zu mehr. Denn erzwungene Gleichbehandlung von Ungleichem ist auch eine Form von Diskriminierung. Schon Aristoteles forderte Gleiche gleich und Ungleiche ungleich zu behandeln. Mit einer Rücknahme dieser schädlichen Antidiskriminierungsgesetzgebung ist bis heute nicht zu rechnen.