Schleichende Enteignung: Sparer und Anleger werden schleichend enteignet

Schleichende Enteignung: Sparer und Anleger werden schleichend enteignet

Die gesetzliche Rente sinkt

Es ist allgemein bekannt, dass die gesetzliche Rente immer weiter sinkt. Für jüngere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer (ab 1970er Jahrgängen) ist die gesetzliche Rente schon jetzt ein erhebliches Verlustgeschäft, wohingegen Menschen früher von akzeptablen Renditen profitiert haben. Aufgrund der demografischen Entwicklung ist mit einer weiteren Verschlechterung der Lage zu rechnen. Der Staat hat es auf Kosten der Jüngeren versäumt rechtzeitig auf ein zukunftsfähiges kapitalgedecktes Rentensystem umzustellen. Stattdessen sollen und müssen die Jüngeren in erheblichem Maße selbst vorsorgen, um die Rentenlücke zu schließen. Um dies zu unterstützen hat der Staat die sog. Riesterrente erdacht, die allerdings schon vielfach kritisiert wurde. Somit bleibt den Bürgern nur noch ihre Vorsorge für das Alter und auch das Sparen für andere Anschaffungen selbst in die Hand zu nehmen, z.B. mit Anleihen und Aktien.

 

Sparen und Investieren wird deutlich erschwert

Doch das Sparen wird durch drei Entwicklungen bedeutend erschwert. Durch die enorme Verschuldung, die die Staaten angehäuft haben und Jahr für Jahr weiter erhöhen, besteht die Notwendigkeit, die Zinsen für Staatsanleihen niedrig und die Inflation hoch zu halten, um die Schulden beherrschen zu können. Dies geschieht über das Gelddrucken und den Staatsanleihenaufkauf durch die EZB. Durch das Gelddrucken steigt mittelfristig die Inflation an und durch die Staatsanleihenkäufe werden die Anleihenzinsen gedrückt. Darüber hinaus belässt die EZB die Leitzinsen auf niedrigem Niveau, wodurch die erzielbaren Zinsen (z.B. für Tagesgeld) ebenfalls sehr niedrig sind. Mittlerweile sind mit Tagesgeld nur noch negative Realrenditen (nach Inflation) möglich; auch Festgelder machen es nicht besser. Und selbst mit sicheren Anleihen sind positive Renditen nach Steuern und Inflation nicht mehr möglich. Durch die niedrigen Zinsen und die relativ hohe Inflation, ist der Realzins auf Spareinlagen schon jetzt negativ. In Zukunft wird sich dies vermutlich noch verschärfen.

Die zweite Entwicklung, die ebenfalls aus den ausufernden Staatsfinanzen resultiert, sind steigende Steuern und Abgaben. Je stärker diese steigen, umso weniger Geld haben die Bürger zum Sparen und Investieren zur Verfügung. Die Steuern und Abgaben steigen von einem ohnehin sehr hohen Niveau immer weiter – es ist strittig, ob Deutschland die höchste oder nur die zweithöchste Steuer- und Abgabenbelastung weltweit für seine Bürgerinnen und Bürger bereithält.

Doch die gravierendste Entwicklung, die sich negativ auf die Sparmöglichkeiten und Vermögensbildung der Bürger auswirkt ist die 2009 eingeführte Abgeltungsteuer. Die Abgeltungsteuer in Höhe von 25% zzgl. Solidaritätszuschlag und ggf. Kirchensteuer wird auf Dividenden, Zinsen und Kursgewinne erhoben. Nun ist zunächst zu unterscheiden zwischen laufenden Ausschüttungen in Form von Zinsen und Dividenden auf der einen Seite und den Kursgewinnen auf der anderen Seite. Bei laufenden Ausschüttungen profitieren Gutverdiener von der Abgeltungsteuer, da der Steuersatz niedriger liegt als der individuelle Einkommensteuersatz. Geringverdienern entstehen keine Nachteile, da im Zweifelsfalle der geringere Einkommensteuersatz gewählt werden kann. Der geringere Steuersatz für diese Ausschüttungen lässt sich durchaus mit der Notwendigkeit des Inflationsausgleichs und der Tatsache begründen, dass Anlagen aus bereits versteuertem Geld getätigt werden. Dieser Steuersatz ist im europäischen Vergleich deutlich überdurchschnittlich, was Kapitalflucht hervorrufen könnte.

Mittlerweile ist auch die Altfallregelung gekippt worden; durch einen Kniff sind seit diesem Jahr auch Altanlagen voll zu versteuern. Immerhin gibt es einen Freibetrag von 100.000 Euro, der sich zunächst hoch anhört, für viele Anleger und Sparer aber nicht ausreichend sein dürfte. Die Politiker haben auch schon wieder neue Grausamkeiten für Anleger und Sparer erdacht; sollte die Abgeltungsteuer in Zukunft fallen und durch Versteuerung nach dem persönlichen Steuer- und Abgabensatz erfolgen, so wird die Besteuerung sich für die meisten Bürgerinnen und Bürger weiter erhöhen.

 

Eine Beispielrechnung zur Verdeutlichung

Nehmen wir an, der Anleger besitzt eine Anleihe zu 10.000 Euro, die mit 4% p.a. rentiert. Er erhält also eine Ausschüttung in Höhe von 400 Euro pro Jahr. Auf diese 400 Euro ist nun die Abgeltungsteuer (inkl. Solidaritätszuschlag und Kirchensteuer) in Höhe von 28% zu zahlen. Dem Anleger bleiben somit nur 288 Euro. Schon bei nur 2% Inflation hat der Sparer nur noch eine Realrendite von unter einem Prozent. Steigt die Inflation nur auf 3% ist die reale Rendite des Bürgers bereits negativ, da die Abgeltungsteuer auf die Nominalrendite und nicht auf die Realrendite gezahlt werden muss. Im Grunde besteuert der Gesetzgeber den Inflationsausgleich. Eine Berücksichtigung der Inflation bei der Besteuerung ist überfällig.

Für 4% Rendite p.a. muss man allerdings auch schon höhere Risiken eingehen – mit AAA-Staatsanleihen ist sowas nicht mal mit langen Laufzeiten erreichbar. Für längerlaufende US-Bonds gibt es immerhin schon wieder über 3% p.a. – Währungsrisiko inklusive. Erstklassige europäische Unternehmensanleihen bringen nur noch gut 1% p.a. Also führt an etwas höheren Risiken, z.B. in Form von High Yield Bonds, Emerging Markets Bonds oder Aktien, kein Weg mehr vorbei, wenn man nach Steuern und Inflation eine positive Rendite erzielen will. Zur Erinnerung: Die Inflationsrate liegt derzeit bei etwa 2,5%.

Besonders stark ins Gewicht fällt aber die Besteuerung von Kursgewinnen. Nach der alten Regelung waren Kursgewinne nach der Haltefrist von einem Jahr steuerfrei. Jetzt sind sie mit bis zu 28% zu versteuern. Dies ist besonders für kleine und mittelgroße Sparer und Investoren, die langfristig Geld anlegen möchten, ein großer Nachteil. Plakativ sind in diesem Zusammenhang zwei kurze Musterrechnungen des Handelsblatts:

„Die Abgeltungsteuer belastet das Sparen in Aktien und Fonds massiv: So zwackt sich der Fiskus von jemandem, der 30 Jahre lang monatlich 100 Euro mit einem Fondssparplan zurückgelegt hat und rund 150 000 Euro ansparen konnte, knapp 32 000 Euro ab. Die daraus zu finanzierende monatliche Rente von knapp 1 000 Euro über zwanzig Jahre schmilzt damit um rund 200 Euro im Monat.“ (Quelle: Handelsblatt Online)

„Ein Anleger, der noch in diesem Jahr (2008, vor Einführung der Abgeltungsteuer, Anm. des Autors) 100 000 Euro in einen Aktienfonds anlegt und damit jährlich sieben Prozent Rendite erwirtschaftet, bekommt nach 30 Jahren – auch wegen des Zinseszinseffekts – 761 226 Euro ausgezahlt. Ein Anleger, der denselben Fonds nach dem 1. Januar 2009 kauft, bekommt wegen der Abgeltungsteuer nur noch 637 797 Euro.“ (Quelle: Handelsblatt Online)

 

Einfluss der Abgeltungsteuer auf die Renditen

Die Renditen sinken durch die Abgeltungsteuer dramatisch und gerade in Anbetracht der steigenden Inflation dürfte es schwierig werden, real kein Geld zu verlieren. Andere Länder zeigen, wie es richtig geht. Die Steuern auf Kapitalerträge und Kursgewinne sind in den meisten Ländern niedriger, auf Kursgewinne werden meist gar keine Steuern erhoben. Außerdem gibt es vielfach eine Reduktion der Steuer in Abhängigkeit von der Haltedauer, so können langfristige Investments und Sparen für das Alter begünstigt werden. Nicht vergessen werden darf auch, dass sich Ausschüttungen und Kursgewinne aus den Gewinnen der Unternehmen ergeben, welche bereits durch diese versteuert wurden. Die Anleger müssen diese Einnahmen dann nochmals versteuern. Wohlgemerkt Einnahmen aus Anlagen der Bürger, die diese aus bereits versteuertem Geld getätigt haben.

Auch für die deutschen Unternehmen ist die Steuer ein Nachteil. Da die Aktie als Anlageform weniger attraktiv wird, ist es für sie schwieriger bzw. teurer sich über Eigenkapital in Form von Aktien zu finanzieren. Auf diese Benachteiligung gegenüber der Fremdkapitalfinanzierung wurde schon mehrfach hingewiesen. Als sei das alles noch nicht genug, fordern die Damen und Herren der Oppositionsparteien schon wieder eine Erhöhung der Abgeltungsteuer. Was sie noch nicht durchschaut haben ist, dass die Abgeltungsteuer nicht in erster Linie die viel gescholtenen Spekulanten und Großanleger trifft, sondern die kleinen und mittelgroßen Sparer, die etwas Vermögen bilden wollen.

Doch vielleicht hat die Sache ja Methode. Die Staaten halten die Zinsen niedrig und die Inflation hoch, erhöhen die Steuern und Abgaben und aus der staatlichen Rentenversicherung ist nicht mehr viel zu erwarten. Durch die Abgeltungsteuer wird die private Vorsorge enorm erschwert. So werden immer mehr Menschen mit ihrer Rente nicht auskommen und der Staat kann kommen und sich als Retter aufspielen. Dadurch kann er seine Macht und seinen Einfluss noch weiter ausweiten.

 

Jüngere werden besonders stark belastet

Inakzeptabel ist, dass durch die Abgeltungsteuer die Jüngeren abermals benachteiligt werden. Haben sie nicht nur für die Staatsschulden mit weiter steigenden Steuern und Abgaben zu leiden, so haben sie auch noch in vollem Maße die Abgeltungsteuer zu tragen – oder in Zukunft womöglich noch drastischere Besteuerungen. Wer hingegen schon ein Vermögen aufbauen konnte und geschickt vor 2009 reagiert hat, konnte seine weiteren Anlagegewinne fast steuerfrei halten – zumindest bis zu diesem Jahr, in dem massiv der Vertrauensschutz erschüttert wurde, indem die Altfallregelung aufgehoben wurde.

Was muss nun geschehen, um die Abgeltungsteuer fair und gerecht zu gestalten? An sich ist die Idee einer einfachen Besteuerung von Zinsen, Dividenden und Kursgewinnen ja eine gute Idee. Zunächst müsste selbstverständlich der Aufwand, der mit dieser Steuer für den Steuerpflichtigen verbunden ist, sinken. Darüber hinaus gibt es mehrere mögliche Ansätze. Der jährliche Freibetrag könnte deutlich erhöht werden, wie dies z.B. in Großbritannien der Fall ist. Eine generelle Senkung der Steuer auf ein deutlich geringeres Niveau und eine Vermeidung der Doppelbesteuerung wäre eine weitere Möglichkeit (siehe etwa Italien). Zuletzt bietet sich noch eine Staffelung nach Haltedauer des Investments an, wie es z.B. in Frankreich gemacht wird.

In Zukunft ist allerdings ganz im Gegenteil eher noch eine Verschlechterung zu erwarten. Politikerinnen und Politiker aller Coleur suchen schon wieder nach neuen Geldquellen, das sie verwenden können, um ihre Lieblingsprojekte zu finanzieren. Daher kann es durchaus passieren, dass die Steuersätze der Abgeltungsteuer angehoben oder Kursgewinne und Ausschüttungen der persönlichen Besteuerung unterliegen werden. Die Folge wäre eine noch höhere Belastung der Steuerzahler und eine insgesamt weiter steigende Steuer- und Abgabenquote.